Commentarii in Psalmos (Tom. III: Ps 101–150)
Author namesEusèbe de Césarée · Eusebe de Cesaree · Eusebius of Caesarea · Eusebius Caesariensis
- Scientific editors
- Franz Xaver Risch Editor Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
- Edition reference
- Patrologia graeca 23 und 24
- CTS identifier
urn:cts:greekLit:tlg2018.tlg034.local003- Corpus release
- 2.2.0 · 2026-08-29
Preface 1
Vorbemerkung der Online-Edition
Die vorliegende Online-Fassung der als „Eusebius von Caesarea Werke Band X: Der Psalmenkommentar. Teil 3: Fragmente zu Psalm 101–150. Herausgegeben von Franz Xaver Risch, GCS.NF 32, Berlin/Boston 2022“ publizierten Druckfassung wurde aus einer Classical Text Editor-Datei konvertiert. Die Apparate (Bezeugung und Varianten) sind daher (vorerst) nicht für die Anzeige im PTA optimiert, da grundsätzlich die Bezeugung des Lemmas fehlt.
Dafür ersetzt die Online-Edition die fehlenden Bibelstellen-, Personen- und Ortsindices der gedruckten Edition.
Da im ersten Band die allgemeiner einleitenden Fragen zum Psalmen-Kommentar des Eusebius von Cäsarea und seiner Überlieferung behandelt werden, beschränke ich mich hier im wesentlichen auf besondere Hinweise zu den Handschriften, denen ich die Fragmente zu Ps 101–150 entnommen habe.
Die Überlieferung
Der Psalmen-Kommentar des Eusebius ist, wie in den vorangehenden Teilbänden unserer Edition im einzelnen dargelegt ist, uneinheitlich überliefert: von Ps 1 bis 50 auszugsweise in Katenen-Handschriften, von Ps 51 bis 95 ganz und direkt im Coislinianus 44 und der Rest wiederum fragmentiert in verschiedenen Katenen.
Der weitaus größere Teil des erhaltenen Kommentars zu Ps 101 bis 150 ist in der sogenannten Palästinischen Katene (Siglen A P) und ihrer Verarbeitung in der Monophysitischen Katene (Sigle C) aufbewahrt. Einige darin nicht enthaltene Partien sind der Psalmen-Katene des Niketas von Herakleia (Sigle N) zu entnehmen.
Die Palästinische Katene
Nachdem die große und unübersichtliche Menge der Handschriften, die eine Psalmenkatene enthalten, von Georg Karo und Hans Lietzmann in siebenundzwanzig Typen geordnet worden war,Georg Karo / Hans Lietzmann, Catenarum Graecarum Catalogus (Göttingen 1902) 20–66. entdeckte Marcel Richard, ausgehend von Beobachtungen durch Robert Devreesse, in der weit verzweigten und vielfältig entwickelten Überlieferung die älteste Form der Psalmenkatene und nannte sie La chaîne Palestinienne.Marcel Richard, Les premières chaînes sur le Psautier, in: Bulletin d’information de l’Institut de Recherche et d’Histoire des Textes 5 (1956) 87–98, hier 88–93 = ders., Opera minora III (Turnhout 1977) Nr. 70; vgl. Marguerite Harl (avec la collaboration de Gilles Dorival), La Chaîne Palestinienne sur le Psaume 118. Tome I. Introduction, texte grec critique et traduction = SC 189 (Paris 1972) 17–21. Seit der umfassenden Revision, Vermehrung und Vervollständigung unserer Kenntnisse der Psalmenkatenen durch Gilles DorivalGilles Dorival, Les Chaînes exégétiques sur les Psaumes I–V = Spicilegium sacrum Lovaniense. Études et documents 43–46.54 (Leuven 1986–2018). wird sie auch als die „Erste Palästinische Katene“ (CPG C 24) bezeichnet.
Als ihre Hauptzeugen für den dritten Teil des Psalters haben die Codices Ambrosianus F 126 sup. (A) und Patmiacus 215 (P) zu gelten. Beide Handschriften gehen unabhängig voneinander auf dieselbe Vorlage zurück, was allein schon aus den vielen übereinstimmenden fenestrae ersichtlich ist. Bei diesem Hyparchetyp handelt es sich um den zweiten Band der zweibändigen Ausgabe der Palästinischen Katene, also um die Katene zu Psalm 77 bis 150. Im Katalog von Georg Karo und Hans Lietzmann zählt diese Ausgabe der Psalmenkatene zum Typ XI.Karo / Lietzmann (wie Anm. 1) 38. Gilles Dorival ordnet sie genauer als die zweite Ausgabe der Ersten Palästinischen Katene neben der ersten und dreibändigen ein.Dorival, Les Chaînes (wie Anm. 3) I 115–118.
(A) Ambrosianus F 126 sup. (12. / 13. Jh.)
Die Handschrift,Zur Handschrift vgl. Harl, La Chaîne (wie Anm. 2) 23–24. die neben einer handschriftlichen Zählung am oberen Rand eine gestempelte am unteren Rand aufweist, beginnt mit der Katene zu Ps 83,4 und endet, in der modernen Zählung, auf 422v mitten in einem Auszug aus Didymus zu Ps 150,3ab. Eine jüngere Hand trug auf einem weiteren Blatt den Katenentext nach, aber auch sie bietet ihn nicht mehr vollständig und bricht im drittletzten Exzerpt nach vier Zeilen ab. Das Wenige, das noch fehlt, ist dem Patmiacus 215 zu entnehmen.
Die im großen und ganzen zuverlässige Handschrift zeigt neben den üblichen Itazismen eine gewisse Unsicherheit in der Verwendung von ο und ω. Wo es sich nicht einfach um einen Fehler handelt, muss Eusebs Ausdrucksweise zur Entscheidung berücksichtigt werden: Im Fragment zu Ps 143,3ab lesen wir in A τῆς τοῦ θεοῦ προνοίας τῆς περὶ τῶν ἀνθρώπων, in P und, abgesehen von Wortumstellungen, in N τῆς τοῦ θεοῦ προνοίας τῆς περὶ τὸν ἄνθρωπον. Der Vorzug ist P und N zu geben. Erstens ist im Kontext vom Menschen im Singular die Rede. Vor allem konstruiert Eusebiusπρόνοια auch an anderen Stellen mit περί mit Akkusativ, wenn nicht mit dem bloßen Genetiv. Der falsche Genetiv Plural stand in der Vorlage. Denn P korrigiert während des Schreibens mit derselben schwarzen Tinte.
(P) Patmiacus 215 (12. / 13. Jh.)
Der mit dem Ambrosianus gleichaltrige Pergament-Codex aus dem Johannes-Kloster auf PatmosZur Handschrift vgl. Harl, La Chaîne (wie Anm. 2) 24. ist am Anfang ebenfalls beschädigt und beginnt mit der Katene zu Ps 78,3. Er endet auf fol. 356v mit einem anonym gebotenen Auszug aus Eusebius zu Ps 150,6. Dies dürfte auch das Ende der Katene gewesen sein. Ein Leser notiert nach einem größeren Abstand: πάνυ πέφυκεν ὠφέλιμος ἡ βίβλος. ταύτην μετελθὼν καλὸν εὑρήσεις πλοῦτον.
Absicht des im Patmiacus vorliegenden Textes war es, den Kommentar des Theodoret mit der Katene zu verknüpfen. Zu diesem Zweck gibt der Katenist nach dem Lemma stets zuerst die Kommentierung von Theodoret wieder und fährt dann mit dem Katenentext fort, wie er sich auch im Ambrosianus findet, mit der Ausnahme, dass die verhältnismäßig wenigen Einträge aus Theodoret zur Vermeidung einer Doppelung getilgt wurden. Dennoch scheint nicht die Katene zu Theodorets Kommentar hinzugefügt worden zu sein, sondern umgekehrt der Kommentar zur Katene. Denn die Aufteilung der Lemmata ist nicht aus Theodoret, sondern aus dem mit dem Ambrosianus gemeinsamen Hyparchetyp entnommen. Dieser bildete also den Rahmen.
Das Schriftbild ist dreifarbig. Wie üblich sind Lemmata und Initialen rubriziert. Der auf Sorgfalt bedachte Schreiber hat an dem in schwarzer Tinte geschriebenen Text in derselben Tinte, also während des Schreibens, kleinere Korrekturen, vielfach auf Rasuren, vorgenommen. Ein Beispiel: Das offenbar in der Vorlage fehlende οὐ in οὐ μόνον δὲ τὸ κέρας im Exzerpt zu Ps 131,17ab, dessen Fehlen der Schreiber von A nicht bemerkte, hat er nachträglich hineingezwängt und im folgenden das schon geschriebene und überflüssige δι’ οὗ τὸ σῶμα wieder gelöscht und, damit man die Stelle nicht für eine fenestra halte, mit einem aus dem zuletzt geschriebenen Wort hervorgehenden langen Strich besetzt.
Die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber dem Text zwang ihn wohl, nach der Fertigstellung der Abschrift nochmals einen eigenen Korrekturgang durchzuführen (P2). Dafür benutzte er eine braune Tinte, die er teils wieder auf Rasuren aufbrachte. Fraglich ist, ob diese Eingriffe als eigene Konjekturen zu verstehen sind oder auf einer anderen Vorlage beruhen. Wo offenkundige grammatikalische Fehler, so im ersten Satz des Exzerptes zu Ps 144,14a–16b, oder auch der Textsinn verbessert werden, lässt sich natürlich eine Konjektur annehmen. Zum Beispiel liest P2 am Beginn des Textes zu Ps 108,30a–31b: Πολλῶν τίνων (allerdings ohne Fragezeichen), wobei πολλῶν das Lemma aufgreift. Der Hyparchetyp der Hauptzeugen las offenbar das indefinite Pronomen: πολλῶν τινων, A und P haben lediglich mit ihrer Akzentsetzung (τινῶν) die Enklise-Regel nicht befolgt. Die Übereinstimmung von P2 mit Cb, einem Zeugen der Monophystischen Katene, an dieser Stelle ist wohl kaum als Indiz für eine gemeinsame Vorlage zu deuten, da der Verfasser von Cb mehr noch als P2 zu eigenständigen Verbesserungen der Lesequalität neigt. Wenn P2 aber auf fol. 258r zu Ps 122,1a–c die Autorenzuweisung εὐσεβ in brauner Tinte nachträgt, scheint er doch eine andere Vorlage gekannt zu haben. Denn sie fehlt auch im Ambrosianus, mithin im Hyparchetyp. Ebenso ist vielleicht im Text zu Ps 144,14a–16b das am Rand braun geschriebene ἀμείβων, das den Ausdruck πόλιν ἐκ πόλεως ergänzen soll, keine korrigierende eigene Erfindung. Dagegen wieder muss der Autor von P2 keine besondere Vorlage benutzt haben, wenn er an einer Stelle im Text zu Ps 136,1b–2 die Formulierung ändert: aus ἀπεκλαίοντο τῆς ἑαυτῶν πατρίδος ὡς ἂν θεοῦ πόλεως μεμνημένοι macht er ἀπεκλαίοντο τῆς ἑαυτῶν πατρίδος τὴν ἐρήμωσιν ὡς ἂν θεοῦ πόλεως μεμνημένοι. Er erwartete zu ἀπεκλαίοντο einen Akkusativ, den er sich mit τὴν ἐρήμωσιν ausdachte, und sah nicht, dass τῆς ἑαυτῶν πατρίδος zum folgenden Partizip μεμνημένοι gehört.
Das Verhältnis des Textes in A und P ist im großen und ganzen einfach und sicher zu bestimmen; einige Details müssen im Unklaren bleiben. Auf die gemeinsamen fenestrae habe ich bereits hingewiesen. Darüber hinaus fehlte im Hyparchetyp in der Kommentierung zu Ps 104 eine längere Passage; sie kann mit der Sekundärüberlieferung leidlich gefüllt werden. In A mündet der Text mit στηρίζει τοῦτον γάρ in eine große fenestra von eineinhalb Seiten (145rv). Es fehlen der Rest des Exzerptes zu Vers 16 und die Auszüge zu Vers 17–29, was bei mir den Fragmenten 12 bis 18 entspricht. A fährt auf fol. 146r oben in der ersten Zeile fort mit dem Lemma Vers 30b. P füllt das Fenster mit dem Kommentar von Theodoret aus (138r–139r), wodurch sie nicht mehr als solche sichtbar ist. Allerdings lässt P auch den noch in A vorhandenen Text zu Vers 16 weg. Beide fahren nicht ganz übereinstimmend mit dem Lemma Vers 30 fort: A mit 30b, P mit 30a.
Dass diese Auslassungen nicht auf einer Abhängigkeit des Patmiacus vom Ambrosianus beruhen, sondern dem Hyparchetypen anzulasten sind, dieser jedoch nicht die unmittelbare Vorlage gleicherweise für A und P war, ist deutlich zu erkennen. Im Fragment zu Ps 102,3a–5b zeigt A von dem in P stehenden Ausdruck ἐν θνητῷ nur die letzte Silbe und hat den übrigen Platz freigelassen, woraus nicht nur folgt, dass weder A von P (sonst hätte A den Ausdruck) noch P von A (sonst hätte P den Ausdruck nicht) abstammen kann, sondern auch, dass die unmittelbare Vorlage von A hier schadhafter war als die von P. Ebenso verhält es sich in den Fragmenten zu Ps 118,32ab hinsichtlich des Ausdrucks τὴν τῶν ἐντολῶν ὁδόν (dass P auf Rasur schreibt, dürfte hier eine Verbesserung eines eigenen Schreibfehlers sein), zu Ps 134,8a–12b καί und zu Ps 144,7ab γενεαλογεῖσθαι und ἀξίων. In den Fragmenten zu Ps 118,132ab λαμβάνουσιν und zu Ps 144,13a–13ab ὠβέλισται ist die fenestra umgekehrt nur in P zu sehen. (Im Fragment zu Ps 144,21a–c, wo ich προφητείαν eingefügt habe, hat P entweder das Fenster oder das Wort übersehen.)
Weitere Beobachtungen bestätigen, dass A nicht Vorlage für P war. Während singuläre Formulierungen wie δηλοῖ δὲ οὕτω καὶ ἄλλος zu Beginn des Fragmentes zu Ps 123,3b–5 dem Autor der Handschrift A zueigen und dem von P unbekannt waren, gehen andere Abweichungen nicht auf Überlegungen von A zurück, sondern sind Fehler, die P vermieden hat. Dazu gehört beispielsweise der das Fragment zu Ps 122,1a–c beschließende, in A ausgefallene Halbsatz ἀπὸ δὲ τοῦ κάτω βλέπειν βλαβήσεται, oder ein Augensprung wie ὡς θεοῦ λαόν im Fragment zu Ps 101,11b–12b oder καὶ δοξολογεῖν im Fragment zu Ps 102,1ab oder ἢ κατὰ τὸν Θεοδοτίονα – τοῦ θεοῦ Ἰακώβ im Fragment zu Ps 113,7a–8b oder τυγχάνει, ὥσπερ οὖν ἐστιν ἀληθές im Fragment zu Ps 127,5a–6b oder οὐδὲ τὸ τερπνόν im Fragment zu Ps 132,1bc.
Umgekehrt ist die Auslassung von ὁ μὲν Μανασσῆς τὴν Γαλαάδ, ὁ δὲ Ἐφραὶμ τὴν Συχέμ im Fragment zu Ps 107,8a–10c im Patmiacus ein Fehler, den er wohl nur zufällig mit C gemeinsam hat, da es sich um einen Augensprung handelt. Ebenfalls springt P mit den Augen im Fragment zu Ps 143,1b–d von Γολιάθ zu Γολιάθ. Dergleichen Fehler kann P selbst gemacht oder von seiner unmittelbaren Vorlage übernommen haben. Nicht alle wird man auf Konzentrationsschwäche des Schreibers zurückführen können. Ein Fehler von P gegenüber A ist der Ausfall des inhaltlich unerlässlichen τουτέστιν εὐχαριστεῖν αὐτῷ im Fragment zu Ps 121,4a–c. Schwierig zu erklären sind ebenso die Auslassung von οὕτως γὰρ ἡρμήνευσεν ὁ Σύμμαχος — ἡμᾶς καὶ αὐτονόμους am Ende des Fragmentes zu Ps 107,11a–12b in P oder die Abwesenheit des für die eusebische Diktion so charakteristischen Ausdrucks νοήσεις καὶ οὕτως ἐπιστήσας ὡς am Beginn des Textes zu Ps 118,164ab.
Sehr viel häufiger trifft man in P auf Korrekturen an dem Text, wie er in A repräsentiert ist. So hat P, um nur ein Beispiel anzuführen, im Fragment zu Ps 131,17ab den in A geschriebenen und nicht als störend bemerkten Ausdruck δι’ οὗ τὸ σῶμα nachträglich als falsch erkannt und gelöscht.
Signifikante Abweichungen verlangen nicht notwendig gesonderte Vorlagen, wie zum Beispiel in der Hypothese zum dreizehnten Gradualpsalm das von P hinzugefügte φιλανθρωπίας. Der erforderliche Zusatz wurde vom Schreiber bemerkt, nachdem er den nächsten Satz schon begonnen oder ganz geschrieben hatte, jedenfalls nachträglich, denn er radierte die beiden Wörter aus seiner Vorlage und fügte das auch in A fehlende dritte Wort hinzu. Dasselbe Erscheinungsbild zeigt seine Version des ersten Satzes im Fragment zu Ps 121,1bc, die deshalb nicht als ursprünglichere lectio difficilior zu werten ist, sondern als nicht sehr geschmeidige Konjektur, die zudem hier, anders als im zuvor genannten Fall, nicht notwendig ist. Dagegen bleibt unkenntlich, warum im Bruchstück zu Ps 131,8a ἐρχόμενοι καὶ ἐπισπεύδοντες in P für εὐχόμενοι καὶ ἐπισπέρχοντες in A steht.
Diesen Beobachtungen zufolge sind A und P voneinander völlig unabhängig und, da sie wahrscheinlich eine unterschiedliche unmittelbare Vorlage benutzten, von ihrem Hyparchetypen jeweils nur indirekt abhängig.
Die Vorgehensweise des Autors der Palästinischen Katene besteht in der Regel darin, zu einem Lemma eine kurze Serie von vermutlich wörtlich genauen Auszügen aus Kommentaren zu demselben Lemma anzuführen, ohne diese zu einem Fließtext zu verbinden. In wenigen Ausnahmefällen bringt er an der Stelle der Exzerpte eine ebenso vermutlich von ihm selbst formulierte Zusammenfassung der exegetischen Position. Sie wirkt distanzierend, ist aber frei von Polemik. Unseren Eusebius im vorliegenden Band betrifft dies die Mitteilung zu Psalm 148,4ab (A 410r; P 346v). Sie stellt Eusebius in die origeneische Tradition und ist einem Auszug aus Chrysostomus unmittelbar angehängt:
Οὐκ ἀγνοητέον δέ, ὡς Ὠριγένης καὶ Εὐσέβιος ὁ Καισαρεὺς καὶ Δίδυμος καὶ ἕτεροί τινες πολλοὺς εἶναι βούλονται τοὺς οὐρανοὺς ἐκ τῆς προκειμένης λέξεως καὶ ἐκ τοῦ τὸν ἀπόστολον Παῦλον ἕως τρίτου οὐρανοῦ ἁρπαγῆναι. βούλονται δὲ καὶ λογικοὺς εἶναι τοὺς ἀστέρας καὶ τὰ ὕδατα τὰ ὑπεράνω τῶν οὐρανῶν λογικὰς εἶναι δυνάμεις.
Die Eklogentradition in der Monophysitischen Katene
Als Typ III, dessen hier verwendete Zeugen mit C bezeichnet sind, haben Georg Karo und Hans Lietzmann eine Katene analysiert,Karo / Lietzmann (wie Anm. 1) 27. die Eklogen aus der Palästinischen Katene mit Texten von Johannes Chrysostomus (häufig auch Johannes, Bischof von Konstantinopel, genannt), Hesychius von Jerusalem und Kyrill von Alexandria verbindet (vgl. CPG C 16). Hauptzeuge ist der Parisinus gr. 139 (Ca).Zur Katene Typ III vgl. Leontien Vanderschelden, An Unconventional Catena on the Psalms. A Partial Edition of the Type III Catena and an Assessment of its Position in the Exegetical Tradition (Diss. Leuven 2020) 13–39. Marcel Richard hatte die Katene in ihm als monophysitisch und ägyptisch bezeichnet,Vgl. Richard, Les premières chaînes (wie Anm. 2) 93. wogegen sich Gilles Dorival wandteDorival, Les Chaînes (wie Anm. 3) I 27–29. und sie aufgrund eingehender Untersuchungen als Vermengung der ersten Palästinischen Katene mit einer zweiten Palästinischen Katene ansah. Die Tradition dieser Komposition teilt er in wiederum zwei Katenen, zu deren erster die von mir benutzten Handschriften gehören.Dorival, Les Chaînes (wie Anm. 3) I 232–248.
Für Chrysostomus und Hesychius ist die ehemals so genannte Monophysitische Katene von enormer Bedeutung. Die Reste der anderweitig nicht bekannten Ausführungen zu Ps 101 bis 106 von Chrysostomus hat Anne-Marie Malingrey aus ihr ediert,Anne-Marie Malingrey, Fragments du commentaire de Jean Chrysostome sur les psaumes 103 à 106, in: Jürgen Dummer u. a. (Hrsg.), Texte und Textkritik = Texte und Untersuchungen 133 (Berlin 1987) 351–378. und die lückenhafte Direktüberlieferung des sogenannten Commentarius magnus (CPG 6554) von Hesychius kann mit ihr weitgehend ersetzt werden. Von Eusebius enthält sie keine neuen Bruchstücke. Die Eklogen bewahren den Text der Palästinischen Katene, soweit sie ihn übernommen haben, stehen aber nicht in der Tradition des Hyparchetyps der Hauptzeugen. Sie teilen nicht deren fenestrae. Neben der großen offenen Stelle im Kommentar zu Ps 104 lassen sich jedoch nur wenige der kleineren füllen, wie im Kommentar zu Ps 101,25b, da in C durch die Epitomierung sehr viel Material entfallen ist. Vor allem aber beendet C die Rezeption der Palästinischen Katene und damit auch die Wiedergabe von Fragmenten des Eusebius mit dem Schluß von Ps 118. Ab Ps 119 bis Ende wird ausschließlich gekürzter, aber immer noch reichlich viel Chrysostomus geboten. Wahrscheinlich steht damit in Zusammenhang, dass auch Hesychs Kommentar mit Ps 118 endete. Man möchte fast meinen, dass dadurch der Autor das Interesse an der Palästinischen Katene verlor, was freilich voraussetzt, dass er diese Katene nur deshalb bearbeitete, um Hesychius einzufügen.
Inwieweit die Abweichungen von C gegenüber dem Hyparchetyp von A und P auf den Autor von C zurückgehen, ist ohne weitere stemmatische Forschungen kaum zu ermitteln. Einige Beispiele: Die Hinzufügung τοῦ πρὸς τὸν ἰώβ im Fragment zu Ps 103,25a–26b ersetzt eine durch das Exzerpieren verloren gegangene Information, die wenige Zeilen zuvor mitgeteilt war. Im Fragment zu Ps 101,25b–29b dagegen διατείνει für διαμείνῃ zu setzen, wirkt willkürlich; μερῶν für μορίων im Fragment zu Ps 102,1ab könnte als ein metaphrastischer Eingriff gedeutet werden; im Fragment zu Ps 105,28a–29b ist der nur in C stehende Satz εἴδωλον δὲ ὁ Βαὰλ ἐν τόπῳ Φεγώρ möglicherweise ein Zusatz des gelehrten Katenisten. Kleinere Auslassungen wie im Fragment zu Ps 105,40a–42b καὶ περὶ ἑτέρου ἔθνους sind wohl kaum auf eine epitomierende Absicht zurückzuführen, sondern vielleicht ein Missgeschick. Ebenso kann die Zuordnung der Textstücke zu den Lemmata in C von den Hauptzeugen abweichen, zum Beispiel die Nr. 4 und 5 zu Ps 117.
Neben der Epitomierung wird in C keine systematische Bearbeitung vorgenommen. Paraphrastische Verdrängungen des ursprünglichen Wortlauts wie gegen Ende des Fragmentes zu Ps 103,25a–26b sind selten.
(Ca) Parisinus gr. 139 (10. Jh.)
Der seit dem Jahr 1622 in Paris befindliche und wegen seiner prachtvollen Miniaturen als Psautier de Paris berühmt gewordene Codex aus dem zehnten JahrhundertZum Codex vgl. Vanderschelden (wie Anm. 9) 40–44. teilt mit der übrigen Katenenüberlieferung die unangenehme Eigenschaft der Unzuverlässigkeit in den Namensangaben. Zum Beispiel ist die Theodoret-Passage zu Ps 103,2b (PG 80, 1696A) τὴν τῆς δημιουργίας εὐκολίαν – μόνῳ χρησάμενος, die Pitra in seinen Analecta als einen Origenes zu Ps 103,2 bringt und Migne als Chrysostomus spurius zu Ps 103 (PG 55, 647) druckt, in Ca als ein Text von Apolinarius wiedergegeben. Glücklicherweise sind solche Verwirrungen nicht die Regel. Malingrey scheint in ihrer Edition der Chrysostomus-Fragmente den Angaben durchgängig vertraut zu haben, und für die bevorstehende Edition des Hesychius dürfte sich der Parisinus ähnlich bewähren.
Bietet aber Ca einen Eintrag unter dem Namen des Eusebius, ist immer Vorsicht geboten. So ist der in den Hauptzeugen anonyme Eintrag zu Ps 103,1bc zwar wohl richtig dem Kommentator aus Cäsarea zugeordnet, wenn aber kurz darauf, noch auf derselben Seite, wiederum ein Eusebius, diesmal zu Vers 2a, angekündigt wird, handelt es sich um einen Didymus, jedenfalls nach den Entscheidungen von Mühlenberg (Fragment 990 = 236,10–13). Auch der auf fol. 338v unter εὐσεβίου stehende Text οὐ πᾶς – λόγος ist wohl von Didymus, (Fragment 995 = 238,20–27 Mühlenberg; von Montfaucon als Eusebius gedruckt; s. PG 23, 1277C), und nochmals ἱλαρύνεσθαι – καὶ ἄρτος aus demselben Fragment (238,27.32 Mühlenberg = PG 23, 1277C–D). Nach drei weiteren, dem Hesychius zugewiesenen Einträgen steht unter εὐσεβίου der Text von Theodoret zu Vers 16 ὁ ἑβραῖος – βλαστήσαντα (PG 80, 1700C, wiederum von Montfaucon als Eusebius gedruckt = PG 23, 1277D–1280A). Ebenso ist der in Ca unter εὐσεβίου gebotene „Eusebius“ zu Vers 16b (PG 23, 1280 A) in der Ausgabe von Montfaucon von Theodoret (PG 80, 1700D). Dasselbe gilt für die jeweiligen Einträge zu Vers 17. Und, um noch ein letztes Beispiel anzuführen, fol. 359r enthält Texteinheiten von Theodoret als Einträge von Eusebius zu Ps 108,11ab und zu 108,14a, 14b und 15b.
Entsprechend zu diesen Unsicherheiten bedeutet auch ein καὶ μετ’ ὀλίγα nicht notwendig, dass der ausgezogene Autor tatsächlich derselbe wie der zuvor genannte ist. So wird auf fol. 377r, innerhalb der Kommentierung von Ps 117,23, als vorletzter Eintrag ein Auszug aus Theodoret (PG 80, 1816 C: τοῦτον – τόκον) unter καὶ μετ’ ὀλίγα geboten, obwohl zwei Einträge angeblich aus Didymus vorausgehen, der eine vorgestellt als διδύμου, der andere wieder mit καὶ μετ’ ὀλίγα. Diese beiden stammen in Wirklichkeit aus Eusebius.
(Cb) Venetus Marcianus gr. Z 17 (10. Jh.)
Der Codex, der zur Schenkung von Kardinal Bessarion an die Marciana gehört,Zum Codex vgl. Vanderschelden (wie Anm. 9) 45–48. stimmt mit Ca in der Komposition und Darbietungsweise völlig überein. Dorival hielt es deshalb für möglich, dass beide Handschriften in demselben atelier entstanden sein könnten.Dorival, Les Chaînes (wie Anm. 3) I 248. Der enge Kontakt, der zwischen beiden offensichtlich besteht, mag diesen Schluß für das Layout nahelegen. Aber Cb ist nicht einfach eine Kopie von Ca.
Die Unabhängigkeit des Pariser Codex vom Venetianer ist unzweifelhaft. Sie wird allein schon durch eine große fenestra in letzterem erwiesen: Cb bricht den Eintrag zu Ps 104,1a aus unersichtlichen Gründen ab und lässt mehrere Zeilen frei, um auf der nächsten Seite, übereinstimmend mit Ca, mit einem Auszug von Chrysostomus fortzufahren. Ca hat den ganzen, unproblematisch zu lesenden Text. Ebenso folgt Ca nicht dem Augensprung im Fragment zu Ps 102,22a–c von τόπου zu τόπου oder dem im Fragment zu Ps 118,173ab von ᾑρετισάμην zu ᾑρετισάμην oder der unerklärlichen Auslassung δι’ ἧς ἐξαπλῶν – δέησιν αὐτοῦ im ersten Fragment zu Ps 101 oder derjenigen im Fragment zu Ps 103,19a–23b, auch nicht der Erweiterung im Fragment zu Ps 118,172ab und vielen anderen Eigenarten, seien sie fehlerhaft, konjizierend oder bereits tradiert.
Weniger klar ist die Frage zu entscheiden, ob der Venetianer den Pariser Codex zur Vorlage hatte. Gemeinsame Fehler wie der Augensprung ἥτις ἦν – ἐπαγγελίας im Fragment zu Ps 104,8a–11b können aus einer gemeinsamen Vorlage stammen oder gar zufällig entstanden sein.
Auffällig am Marcianus ist, dass er störende Stellen, wie sie im Text von Ca vorliegen, elegant zu bewältigen versucht, dabei aber mitunter ein neues Problem hervorruft. Charakteristisch in dieser Hinsicht ist seine Reaktion auf den ungriechischen Beginn des ersten Satzes im Fragment zu Ps 105,1a–c. Das überkommene asyndetische αἶνον ὕμνον εἰς τὸν θεόν verändert er genial zu ἀνυμνεῖν τὸν θεόν. Man glaubt schon, die ursprüngliche Lesart vor sich zu haben, muss aber alsbald zur Kenntnis nehmen, dass nun von περιέχει ein nicht substantivierter Infinitiv abhängt. Εἰς ἐμὲ πιστεύοντας im Fragment zu Ps 117,28a–29b ist eine Verschlechterung. Anstelle des argumentativ sinnvollen Gefüges εἰ γὰρ ἀγέννητα ἦν, ἔμειναν ἂν καὶ ἀτελεύτητα. νῦν δ’ ἐπεὶ im Fragment zu Ps 101,25b–29b ein bloßes εἰ δὲ zu setzen, ist fragwürdig.
Viele andere Abweichungen sind weniger gravierend, zum Beispiel im Fragment zu Ps 104,6ab καὶ πρὸ μιμήσεως oder die Auslassung von ἐν κόσμῳ im Kommentar zu Ps 104,12ab. Vielleicht ist sogar noch das bessere μέτρια παραλιμπάνει für das ungewöhnliche μεταπαραλιμπάνει im Fragment zu Ps 104,26ab eine Konjektur. Wenn freilich im Fragment zu 105,1a–c ἀπογυμνοῦν αὐτῷ für ἀπογυμνοῦντα αὐτῷ ebenfalls eine Konjektur sein sollte, wäre die Übereinstimmung mit dem Vindobonensis (Wa) ein merkwürdiger Zufall.
Andererseits bietet Cb im Fragment zu Ps 105,12a–13a mit οἱ δὲ und ἠπίστουν eine logisch klare Version. Wahrscheinlich ist auch sie nur eine verführerische Konjektur, aber sie ist doch so sinnvoll, dass sie einen Mangel in der übrigen Überlieferung überzeugend ausgleicht. Dagegen handelt es sich bei der Einfügung von ᾄσαντες οἱ ἰσραηλῖται im nächsten Satz nicht um eine Konjektur, sondern um redaktionelle Gestaltung. Cb nennt das Subjekt, das im Kommentarfragment schon angedeutet war (ᾔνεσαν), aber in der Auspflückung entfallen ist. Der Autor von Cb arbeitet hier also sicher nicht aus einem ursprünglichen Text, sondern überarbeitet die schon gegebene Ekloge.
Im Fragment zu Ps 102,3a–5b ersetzt er das sinnlose μήτε εἰς, das Ca oder ein Vorgänger aus μετῄεις geformt hatte, durch διῆγες, kannte also die ursprüngliche Form nicht und verbessert von sich aus, verändert aber auch ἀνῆκεν zu παρεῖδεν und erreicht somit einen akzeptablen Sinn. Nicht immer bemerkt der Autor von Cb einen fragwürdigen Sinn und teilt mit Ca die Formulierung, wie im Fragment zu Ps 101,18ab: τῶν ταπεινῶν τῶν ἑαυτοῦ προφητῶν. Aber offenkundige Fehler übernahm er nicht, wie die sinnlose Einfügung von ἐδεξάμην gegen Ende des Fragmentes zu Ps 102,1ab – oder hat er sie gar nicht gesehen?
Neben den Veränderungen am Text, wie er in Ca vorliegt, zeigt der Marcianus auch signifikante Abweichungen gegenüber Ca, die nicht ohne weiteres als Konjekturalkritik oder als Eigenmächtigkeiten erklärbar sind. Im Fragment zu Ps 105,1a–c αἰῶνος nach τοῦ ἐνεστῶτος zu setzen und so gegen Ca mit den Hauptzeugen übereinzustimmen, verlangt noch keine andere Vorlage. Aber im Fragment zu Ps 101,4a–6b fügt er τότε ἐν εὐθηνίᾳ ὑπάρχοντι nach dem Hiob-Zitat ein, im Kommentar zu Ps 102,22a–c ersetzt er διάνοια durch διδασκαλία, und im Fragment zu Ps 118, 29ab dürfte das in Ca nicht stehende ὁ δὲ Σύμμαχος kaum erraten sein.
Hinzu kommen einige Abweichungen in den Zuschreibungen. Cb gibt beispielsweise das Stück zu Ps 104,12ab dem Didymus, während es in Ca mit dem Namen des Theodoret verbunden ist, oder Cb weist im Fragment zu Ps 110,4b–6b eine Passage aus Eusebius dem Didymus zu, die Ca dem Apolinarius gibt. Schließlich finden sich sogar Stellen, an denen Cb mit den Hauptzeugen gegen Ca übereinstimmt. Im Fragment zu Ps 104,6ab teilt er nicht mit Ca das falsche ἄρχουσιν und vermeidet es, aus ἄν τινων ein ἀντιδίκων zu machen.
Im Parisinus gr. 139 (Ca) hat ein Leser die Einträge, die der Katenist mit dem Namen des Eusebius versehen hatte, am Rand mit rotem Stift systematisch markiert. Vielleicht handelt es sich bei diesem Leser um den Verfasser des Codex Parisinus gr. 463, denn dieser Codex ist eine Papierhandschrift aus dem siebzehnten Jahrhundert, in der die wirklichen und vermeintlichen Fragmente von Eusebius aus dem Parisinus gr. 139 gesammelt sind.Zum Codex vgl. Institut de recherche et d’histoire des textes (Hrsg.), Pinakes | Πίνακες. Textes et manuscrits grecs, Numéro diktyon 50037. Die Eusebius-Einträge werden in denselben Abgrenzungen und mit denselben Irrtümern übernommen. Betitelt ist die Arbeit mit EUSEBII / PAMPHILI EPISCOPI / Caesareae Palaestinae / INTERPRETATIO / Psalmorum. Valde Erudita und auf dem folgenden Blatt griechisch wiederholt ΕΥΣΕΒΙΟΥ / ΤΟΥ ΠΑΜΦΙΛΟΥ / ΕΠΙΣΚΟΠΟΥ / ΚΑΙΣΑΡΕΙΑΣ ΤΗΣ / ΠΑΛΑΙΣΤΙΝΗΣ / ΕΧΗΓΗΣΙΣ ΤΩΝ ΨΑΛΜΩΝ ΠΑΝΥ / ΣΠΟΥΔΑΙΑ. Die Eigenheiten von Cb enthält er nicht, bespielsweise den angeführten Lösungsvorschlag zu Beginn des ersten Fragmentes zu Ps 105 ἀνυμνεῖν τὸν θεὸν oder die Auslassung von οἱ τῶν ἐθνῶν – τῆς ἀνθρωπίνης ἀγέλης aus dem Fragment zu Ps 106,6a–9b, so dass der Parisinus gr. 139, der Codex in derselben Bibliothek, die einzige Vorlage war.
Zur Paraphrasentradition
Die eben behandelten Codices Ca und Cb sind in eine komplexe Überlieferung eingebunden, deren Stemmatisierung im Rahmen einer Edition von Auszügen aus einem einzelnen Autor nicht erbracht werden kann. Das gilt erst recht für die weitaus üppigere Paraphrasentradition, die sich auf mehrere Katenentypen verteilt.
Die paraphrastisch bedingten Abweichungen systematisch anzugeben, wäre verwirrend; eine umfassende Analyse der Umschreibungen dient der intendierten Herstellung des Originaltextes einer einzelnen Quelle nur wenig. Überdies kann schon im Rahmen der staatlicher Wissenschaftskontrolle verpflichteten Zeitplanung eine aufwendige Gesamterfassung für eine wie hier vorliegende Edition nicht geleistet werden. So habe ich die Zeugen der von Dorival so genannten Konstantinopolitanischen Katenen und ihrer Gruppierungen, für die jeweils erst die Abhängigkeitsverhältnisse zu durchleuchten und ein kritischer Text zu erstellen wäre, nicht berücksichtigt und mich mit den Versionen Wa und V begnügt, da deren Entstehungszeit vor der rezenten Hauptüberlieferung liegt und zwischen ihnen kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Immerhin zeigt sich, dass die Paraphrasentradition in Einzelfällen von Interesse ist.
(Wa) Vindobonensis theol. gr. 8 (10. / 11. Jh.)
Der Wiener Kodex besteht aus zwei heterogenen Randkatenen, die nicht etwa den Psalmtext, sondern den Psalmen-Kommentar Diodors umgeben.Zur Konzeption des Vindobonensis s. Franz Xaver Risch, Das Handbuch des Origenes zu den Psalmen, in: Adamantius 20 (2014) 36–48, hier 36–38. Die zweite Katene ist aus Exzerpten aus Theodoret und Scholien von Origenes zusammengesetzt. Für Eusebius ist also nur die erste von Belang. Sie wird von Karo und Lietzmann als Typ V gezählt.Karo / Lietzmann (wie Anm. 1) 29. Die Bearbeitung der Palästinischen Katene umfasst Ps 1 bis einschließlich Ps 118 auf 222 Folia; der Text zu Ps 101 setzt 163r ein.
In Einzelfällen kann die großzügig auswählende und in vielen unwesentlichen Details abweichende Handschrift durchaus bedeutend sein: Im Fragment zu Ps 106,4a–5b stützt sie mit ἡμεῖς ἦμεν οἱ die Hauptzeugen gegen die konkurrierende Lesart οἱ μεμισημένοι in C. Wa hat versucht, die beiden Fenster zu Beginn des Fragmentes zu Ps 101,25b–29b zu schließen, zeigt dabei aber mit den Ausfüllungen αὐτοῦ ἀπό für das in C zu findende und wohl richtige μέχρι τῆς ἐκβάσεως und καιρῶν συνιδὼν τό für συνορᾷ τὸ ἀδύνατον διὰ τό wenig Geschick. Die beiden Fenster am Ende desselben Fragmentes, an deren Stelle in C kein Text vorliegt, werden dagegen sinnvoll ausgefüllt, wobei das zweite von ihnen durch einen Blick in die Bibel geschlossen werden konnte, das erste vielleicht nur glücklich geraten ist. Fraglich bleibt, ob die ältere Handschrift Wa hier einen älteren Text als den von A P repräsentiert und das Fenster wirklich erst später entstanden ist.
(V) Vaticanus gr. 754 (10. Jh.)
Der Codex Vaticanus gr. 754 aus dem zehnten Jahrhundert, der in der Forschung bereits viel Aufmerksamkeit erfahren hat, gruppiert um den Psaltertext eine Bearbeitung der Palästinischen Katene, die von Karo und LietzmannKaro / Lietzmann (wie Anm. 1) 41. zum Katenentyp XIII, seit Marcel Richard dagegen zum Typ XIX gezählt wird,Vgl. Marie-Josèphe Rondeau / Paul Géhin / Matthieu Cassin, Évagre le Pontique. Scholies aux Psaumes. Tome I. Introduction, édition princeps du texte grec, traduction et notes = SC 614 (Paris 2021) 135–136. die pseudo-athanasianischen Expositiones in psalmos, den Psalmen-Kommentar des Evagrius und in einer eigenen Gruppe hexaplarische Lesarten. Der große Wert des Vaticanus besteht nicht so sehr in der Qualität – alle vier Quellen werden meiner Einschätzung nach durchgehend in sekundärer Textgestalt geboten – sondern in ihrer genauen Trennung des Materials in einem konsequent durchgehaltenen vierfachen Verweissystem. Dadurch sind die „Athanasius-Serie“, deren Texteinheiten mit großen Zahlzeichen markiert wird, und der mit kleinen Zahlzeichen versehene Kommentar des Evagrius klar von den hexaplarischen Informationen getrennt, die mit den Anfangsbuchstaben der Übersetzer gekennzeichnet sind.Zur Komposition des Vaticanus 754 s. Marie-Josèphe Rondeau, Le commentaire sur les Psaumes d’Évagre le Pontique, in: OCP 26 (1960) 307–348.
Die Eusebius belangende Paraphrase der Palästinischen Katene ist durch wechselnde Zeichen und häufig auch an der Anführung von Autorennamen fassbar. Die Euseb-Stücke sind zum Teil auch dort zugewiesen, wo sie in den Hauptzeugen anonym sind. Ab Ps 108 (fol. 276r) finden sich unter dem Namen des Eusebius zusätzlich zu den paraphrasierten Fragmenten Scholien von Origenes. Ihre Identität lässt sich an der zweiten Randkatene des Vindobonensis theol. gr. 8 unproblematisch feststellen.
Der in V wiedergegebene Text ist die Bearbeitung einer Vorlage, die älter ist nicht nur als A P, sondern auch als C. Daher kann er nicht nur zur Stützung der Haupttradition gegenüber C herangezogen werden, so im Fragment zu Ps 105,40a–42b mit der Wendung καὶ περὶ ἑτέρου ἔθνους oder im Fragment zu Ps 113,9a–11b mit ἀνάξιοι gegen ἄξιοι oder im Fragment zu Ps 118,34ab mit σώματος gegen στόματος. Er kann auch einen tiefer liegenden Defekt ausgleichen: Im Fragment zu Ps 107,3ab lässt sich an dem Ausdruck διὰ μὲν τῆς κιθάρας ablesen, wie die in A P C vorliegende Störung zu beseitigen ist.
Der textkritische Wert einer Paraphrase ist natürlich nicht einfach aufzuspüren. Hat man es mit einer Lesart zu tun oder mit einer Umschreibung? Im Falle von V gilt dies sogar für Bibelzitate. Das Symmachus-Zitat im Fragment zu Ps 118,9ab gibt V in einer Vermischung mit dem LXX-Wortlaut wieder: ἐν τίνι λαμπρύνη νεώτερος τὴν ὁδὸν αὐτοῦ steht an der Stelle von διὰ τίνος λαμπρύνει νέος τὴν ὁδὸν αὐτοῦ; Man kann auch auf sinnlose Verschreibungen treffen wie ἁμαρτήσαντας für ἀναρτήσαντας im Fragment zu Ps 117,27bc oder προτάκτικον für πρακτικόν im Fragment zu Ps 143,9ab. Wenn der Vaticanus aber die beiden letzten Sätze des Fragmentes zu Ps 140,2a in einer gegenüber A P eigenen Formulierung bringt, könnte man meinen, man lese Eusebius unmittelbarer als in A P. Seine Phrase…
Die Psalmenkatene des Niketas von Herakleia
Niketa…
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